Safed - En Hud

10.12.19

Endlich mal wieder ne Nacht gut durch geschlafen. Doch noch einen Tag pausieren will ich nicht. Also mache ich mich auf zum Frühstück und packe dann zügig meinen Rucksack. Der Himmel sieht soweit ok aus und auch wenn es gegen Mittag wieder regnen soll verlasse ich Safed. Gestärkt und mit Tatendrang klettere ich praktisch aus der Stadt. Eine steile Schlucht muss ich hinunter zurück auf den Trail. Als ich fast unten bin sehe ich vor mir einen Herde Ziegen. Ein Tick zu spät wird mir bewusst was das bedeutet. Wo Ziegen, da auch Hunde. Und die fallen auch gleich zu dritt über mich her. Ich versuche einen großen Bogen zu schlagen, doch sie laufen mir weiter nach kläffen und fletschen die Zähne. Ich bin schon lange außerhalb der Reichweite der Ziegenherde aber bin die Hunde noch nicht los geworden. Dann reicht es mir! Ich renne mit schwingenden Trekking Stöcken und laut brüllend direkt auf die drei zu. Manchmal ist Angriff die beste Verteidigung. Denn das zeigt Wirkung. Die Hunde rennen zurück. Endlich.
Der Trail geht weiter, wie die letzten Tage, durch eine tiefe Schlucht. Senkrechte Felswände und eine üppige Vegetation runden das Szenario ab. Ich komme gut voran und bin eine Stunde vor Sonnenuntergang an meinem Tageszeit. Direkt vor mir liegt ein Aufstieg auf einen Berg. Den will ich heut nicht mehr machen und beginne mein Zelt aufzubauen. Als grade der vierte Hering im Boden verschwindet kommt eine Kuh mit ihrem Kalb direkt auf mich zu. Kuh mit Kalb! Immer riskant. Ich weiche zurück, doch gerade das Kalb kommt neugierig sehr nahe. Zum Glück ist die Mutter entspannt. Sie trotten beide an mir vorbei. Ich will gerade weiter aufbauen, da kommt aus der anderen Richtung eine Herde Ziegen auf mich zu gerannt! Natürlich mit zwei Hunden im Gepäck. Schnell reiße ich die Heringe aus dem Boden und schnappe mein Equipment um zur Not schnell weg rennen zu können. Diesmal überraschen mich die Hunde. Sie nehmen kaum Notiz von mir. Die Herde zieht vorbei und nachdem sie außer Sichtweite ist baue ich mein Camp dann doch ganz auf. Als es steht kommen nochmal Kuh und Kalb vorbei um mir zum Einzug zu gratulieren. Bis auf Armeslänge kommen sie ran. Dann gehen auch sie ihrer Wege. Die Landwirtschaft ist hier schon ein Ding. Ich sitze noch nicht im Zelt da kommt der arabische Ziegenhirte älteren Jahrganges vorbei. Mit Händen und Füßen weißt er mich darauf hin das es hier Wildschweine gibt, die im Boden rum wühlen. Wie eine Warnung oder Empfehlung zu gehen wirkt das nicht und somit bleibe ich hier. Bin auf die Nacht gespannt! Ich will gerade diesen Beitrag posten da beginnt der Muezzin in der kleinen Stadt an der Ecke das Abend Gebet über die Lautsprecher zu beten. Sehr laut und eindrucksvoll, denn der Canyon gibt ein Wahnsinns Echo.

11.12.19

Ich hab ja soo gut geschlafen. Nach den Strapazen gestern Abend hätte ich das nicht gedacht. Um fünf Uhr werde ich vom morgen Gebet geweckt. Perfekter Start in den Tag und ich mache mich um kurz nach sechs auf den Trail. Vor mir liegt der Aufstieg auf Mt. Abel. Vorbei an Kühen und Ziegen laufe ich auf guten Wegen hinauf. Dann komme ich an alten Höhlen vorbei, die früher bewohnt waren. Äußerst eindrucksvoll sich das vorzustellen, wie die frühen Menschen hier gelebt haben. Direkt im Anschluss wird aus dem tollen Weg eine Kletterpartie. Auf allen vieren kraxel ich dem Kipfel entgegen. Die Aussicht über den See Genezareth ist wundervoll.
Es geht weiter über die große Stadt Tiberias, die ich durchlaufe, bis zur Kleinstadt Kinneret. Der Trail ist bis dahin einfach nur ein Traum. Auch wenn ich mehr auf Straßen als einem Trail unterwegs bin, gefällt es mir gut hier lang zu laufen. In Kinneret stocke ich meine Vorräte noch etwas im Supermarkt auf. Den darf ich nur auf Socken betreten, da meine Schuhe zu schmuddelig aussehen.
Da es gerade halb zwei ist laufe ich noch weiter. Doch der nächste Abschnitt ist eine einzige Baustelle entlang des schönen Flusses. Das Ufer wird wohl neu ausgebaut. Irgendwann wird das sehr schön werden, doch für mich sieht’s grausig aus. Außerdem läuft es sich auf dem klebrigen Lehmboden echt schwierig. Auf der Karte sehe ich ein entfernteres Flusstal, das sich als Schlafstelle bestimmt gut machen würde. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang komme ich dort an. Ich sehe wieder viele Kühe und begegne auch gleich noch einer Wildschweinherde. Also stapfe ich noch aus dem Tal heraus und habe Glück. Direkt oberhalb der Schlucht finde ich einen sehr geeigneten Zeltplatz. Nach einem zehn Stunden Tag bin ich auch echt platt und falle müde auf meine Iso-Matte.

12.12.19

The trail provides. Dieses Hiker Motto hat mich gerade auf meinem ersten Trail dem Pacific Crest Trail praktisch täglich begleitet. Ja es stimmt! Wenn ich dem Trail die Möglichkeit gebe, sorgt er sich bestens um mich. Auch wenn ich mich gerade nicht ausstehen kann. Das merke ich gerade jetzt und hier. Es läuft alles bestens! Das Wetter ist ok bis gut. Täglich gibt es die Möglichkeit einen Supermarkt aufzusuchen und ggf. Vorräte aufzunehmen. Das Wasser schmeckt nicht verchlort. Meine Ausrüstung ist top. Mein Körper macht die Strapazen gut mit. Bis auf die typischen kleinen Meckereien der mehr Belastung.
Doch mein Kopf kann nicht loslassen. Was ich mich innerlich gerade voll meckere ist unglaublich. Soll ich Pause machen oder nicht! Was will ich snacken! Wird das Wetter so bleiben! Ist der Trail grad schön oder eigentlich voll hässlich! Dieser Gestank! Dieser Müll! Diese hohen Preise! Ich bin müde! Ich hab keinen Bock! …. und so geht es endlos immer wieder von vorne los. Scheinbar kann ich es mir selber grade nicht recht machen. Und gerade jetzt wird mir das Motto: the Trail provides wieder sehr bewusst. Denn eins weiß ich. Wenn ich lang genug laufe wird es mir wieder besser gehen. Der Trail wird schon dafür sorgen. Zumindest hab ich weiterhin Freude am laufen. Das ist doch schonmal mehr als die halbe Miete. Bin gespannt wann der Knoten im Kopf endlich platzt und was es mit mir machen wird. Bis dahin: happy trail!

13.12.19

Nach dem ich gestern Abend mich am All you can eat buffet austoben konnte, gibt es heut morgen entsprechend noch das Frühstück dazu. Ich bin hier nicht allein im Hotel. Eine große Gruppe Engländer ist hier. Eine religiöse Vereinigung auf Besuch der heiligen Stätten in ganz Israel. Alle schwarz und überwiegend weiblich mit voluminösen Ausmaßen. Wir müssen alle noch etwas auf das Frühstück warten. Die Köchin hat verschlafen. Also kommen wir natürlich alle ins Gespräch was wir so machen hier in Israel. Bald bin ich umringt und werde ausgefragt, wie man denn auf die Idee kommt so weit zu laufen und ob ich denn Christ wäre etc.. Am Ende sind wir gute Freunde und mir wird mein Atheismus verziehen.
Heute durchbreche ich mal den Kreislauf und laufe den Berg nicht hoch sondern drum herum. Es wäre ein nutzloser Auf- und Abstieg nur um irgendeine Basilika oder so da oben zu sehen. Stattdessen geht es durch ein süßes Dorf drum herum. Der Weg bis Nazareth ist recht unspektakulär und somit beschäftige ich mich eher mit mir selbst als mit der Umgebung. Ist auch nötig, will endlich meine innere Meckerei loswerden und den Trail mehr genießen. Denn so ganz grün bin ich mit dem hier sein immer noch nicht.
In Nazareth gehts dann in die israelische Version von Wal Markt. Muss für zwei Tage einkaufen. Morgen ist hier nämlich alles zu. Es ist mal wieder eine völlige Reizüberflutung.
Danach gehts durch Nazareth, oder eher durch das Randgebiet, wieder raus in die Natur. Der Riesen Nachteil, wenn der Trail durch die Stadt verläuft ist, dass man immer durch die Hintertüren der Stadt rein und raus geht. Entsprechend sehe ich unglaubliche Schandflächen überseht von Müll und Gestank. Da ich aber ja auch noch mit geistigem Müll unterwegs bin scheint das irgendwie zu passen.
Der Tag neigt sich zügig dem Ende und so kann ich nicht wählerisch beim Zeltplatz sein und liege recht nah an einer großen Straße. Dann mal eine gute Nacht.

14.12.19

Hab sehr oberflächlich geschlafen. Der Trail ist wieder ein Mix aus sehr schönen Eindrücken und einer viel Zahl von Schandflecken. Richtig warm werd ich mit diesen Unterschieden nicht. Ich glaube das meine innere Unruhe mittlerweile gar nicht mehr so stark von mir ausgeht. Mich machen diese Bilder hier nicht wirklich glücklich sondern stimmen mich eher traurig. Ist natürlich mein persönliches Empfinden. Denke daher darüber nach den so stark von Menschen bewohnten Teil zu überspringen bzw. Sogar ganz auszulassen. Würde dann zum südlichen Startpunkt springen und den reinen Wüsten Abschnitt laufen. Durch diese Überlegungen und Planungen, nehme ich den Trail nur halb war. Es geht nochmal einen Berg hoch bevor ich kurz vor Isfiya auf einem Campground mein Lager aufschlage. Es ist noch weit vor Sonnenuntergang.

16.12.19

Ja ich weiß: ich lasse gestern aus. Ist auch gut so, war echt ein sche… Tag. Dafür glänzte der heutige umso mehr und das obwohl es kühl und bewölkt war. Der Trail war heute wirklich ein Trail und keine Straße. Teilweise war es echt ne Klettetpartie und es ging durch Wälder hoch und runter. Ausserdem konnte ich heute das erste mal aufs Mittelmeer schauen. Wahnsinn!
Nach der Mittagspause ging es durch ein endlich mal richtig schönes verwunschenes kleines Dorf namens: En Hud. Es gab vorher und auch danach keine Müllberge vorm Dorf. Und der kleine Supermarkt, einfach göttlich. Ich traf im Anschluss das erste mal auf andere Hiker. Ein älteres kanadisches Pärchen. Endlich mal eine Gelegenheit ein bisschen Trail Talk zu führen. Jetzt habe ich einen netten Zeltplatz direkt neben einem großen Ausguck und entspanne meine schweren Beine. Das waren einige Höhenmeter heute und jeder hat sich gelohnt!